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Sokratische Methode Prinzip des Guten Das Schicksal des Sokrates

Die Philosophie des Sokrates:

So weit war das Bewußtsein in Griechenland gekommen, als Sokrates in Athen auftrat, - die große Gestalt des Sokrates.
Die Subjektivität des Denkens ist auf bestimmtere, weiter durchdringende Weise in Sokrates zum Bewußtsein gebracht. Sokrates ist aber nicht wie ein Pilz aus der Erde gewachsen, sondern er steht in der bestimmten Kontinuität mit seiner Zeit. Er ist nicht nur höchst wichtige Figur in der Geschichte der Philosophie - die interessanteste in der Philosophie des Altertums -, sondern er ist welthistorische Person. Er ist Hauptwendepunkt des Geistes in sich selbst; diese Wendung hat auf Weise des Gedankens in ihm sich dargestellt. Wir müssen uns dieses Kreises kurz erinnern. Die alten Ionier haben gedacht, nicht reflektiert auf das Denken, ihr Produkt nicht als Denken bestimmt. Die Atomistiker hatten das gegenständliche Wesen zu Gedanken gemacht, - d.h. hier Abstraktionen, reinen Wesenheiten; Anaxagaras aber den Gedanken als solchen. Der Gedanke stellte sich als der allmächtige Begriff, als die negative Gewalt über alles Bestimmte und Bestehende dar; diese Bewegung ist das alles auflösende Bewußtsein. Protagoras spricht den Gedanken als Bewußtsein als das Wesen aus; aber das Bewußtsein eben in dieser seiner Bewegung, die Unruhe des Begriffs. Aber diese Unruhe ist an ihr selbst ebenso Ruhendes, Festes. Das Feste aber der Bewegung als solcher ist das Ich, dies Negative, da es die Momente der Bewegung außer ihm hat; Ich ist das Sich-Erhaltende, aber es ist nur als Aufhebendes, - eben dadurch Einzelnes (negative Einheit), nicht in sich reflektiertes Allgemeines. Hierin liegt die Zweideutigkeit der Dialektik und Sophistik; das Objektive verschwindet. Welche Bedeutung hat nun das feste Subjektive? Ist es selbst dem Objektiven entgegengesetzt, Einzelnes, so ist es ebenso zufällig, Willkür, das Gesetzlose. Oder ist es an ihm selbst objektiv und allgemein? Sokrates spricht nun das Wesen als das allgemeine Ich aus, als das Gute, das in sich selbst ruhende Bewußtsein, - das Gute als solches, frei von der seienden Realität, frei gegen das Verhältnis des Bewußtseins zu seiender Realität - es sei einzelnes sinnliches Bewußtsein (Gefühl und Neigungen) -, oder endlich frei von dem theoretisch über die Natur spekulierenden Gedanken, der, obzwar er Gedanke, doch noch die Form des Seins hat; Ich bin darin nicht als meiner gewiß.
a) Sokrates hat die Lehre des Anaxagoras aufgenommen: Das Denken, der Verstand ist das Regierende, Wahre, sich selbst bestimmende Allgemeine. Bei den Sophisten hat dies mehr die Gestalt der formellen Bildung, des abstrakten Philosophierens gewonnen. Der Gedanke ist bei Sokrates das Wesen, wie bei Protagoras; daß der selbstbewußte Gedanke alles Bestimmte aufhob, ist auch bei Sokrates der Fall gewesen, aber so, daß er zugleich jetzt im Denken das Ruhende, Feste aufgefaßt. Dieses Feste des Gedankens, die Substanz, das Anundfürsichseiende, sich schlechthin Erhaltende ist als der Zweck bestimmt worden und näher als das Wahre, Gute.
b) Zu dieser Bestimmung des Allgemeinen kommt die Bestimmung hinzu, daß dieses Gute, was mir gelten soll als substantieller Zweck, von mir erkannt werden muß. Die unendliche Subjektivität, Freiheit des Selbstbewußtseins ist im Sokrates aufgegangen. Ich soll schlechthin gegenwärtig, dabeisein in allem, was ich denke. Diese Freiheit wird in unseren Zeiten unendlich und schlechthin gefordert. Das Substantielle ist ewig, an und für sich; ebenso soll es durch mich produziert werden; dieses Meinige ist aber nur die formelle Tätigkeit.
Es ist im allgemeinen nichts anderes, als daß er die Wahrheit des Objektiven aufs Bewußtsein, auf das Denken des Subjekts zurückgeführt hat, - ein unendlich wichtiges Moment; wie Protagoras sagte: das Objektive ist erst durch die Beziehung auf uns. Was den Krieg des Sokrates und Platon mit den Sophisten betrifft, so können Sokrates und Platon im Philosophieren allein auf die allgemeine philosophische Bildung ihrer Zeit Rücksicht nehmen; und dies sind die Sophisten. Der Gegensatz ist nicht als Altgläubige gegen sie, - nicht in dem Sinne wie Anaxagoras, Protagoras verurteilt sind, im Interesse griechischer Sittlichkeit, Religion, der alten Sitte. Im Gegenteil. Reflexion, Zurückführung der Entscheidung aufs Bewußtsein ist ihm gemeinschaftlich mit den Sophisten. Aber das wahrhafte Denken denkt so, daß sein Inhalt ebensosehr nicht subjektiv, sondern objektiv ist; darin ist die Freiheit des Bewußtseins enthalten, daß das Bewußt sein bei dem, worin es ist, bei sich selbst sei, - dies ist eben Freiheit. Das Prinzip des Sokrates ist, daß der Mensch, was ihm Bestimmung, was sein Zweck, der Endzweck der Welt, das Wahre, Anundfürsichseiende [ist], - daß er dies aus sich zu finden habe, daß er zur Wahrheit durch sich selbst gelangen müsse. Es ist die Rückkehr des Bewußtseins in sich, die dagegen bestimmt ist als ein Heraus aus seiner besonderen Subjektivität; eben darin liegt, daß die Zufälligkeit des Bewußtseins, der Einfall, die Willkür, die Partikularität verbannt ist, im Innern dies Heraus, das Anundfürsichseiende, zu haben. Objektivität hat hier den Sinn der anundfürsichseienden Allgemeinheit, nicht den äußerlicher Objektivität; so ist die Wahrheit gesetzt als vermittelt, als Produkt, als gesetzt durch das Denken. Die unbefangene Sitte, die unbefangene Religion ist, wie Sophokles die Antigone sagen läßt (v. 454-457): »Die ewigen Gesetze der Götter sind, und niemand weiß, woher sie gekommen.« Dies ist die unbefangene Sittlichkeit, es sind Gesetze, diese sind wahr, sind recht; jetzt hingegen ist das Bewußtsein eingetreten, so daß das, was wahr ist, durch das Denken vermittelt sein soll. Über unmittelbares Wissen, Glauben usf. ist in neuerer Zeit viel gesprochen; daß Gott ist, wissen wir unmittelbar in uns, wir haben religiöse, göttliche Gefühle. Da ist denn aber der Mißverstand, dies sei nicht Denken. Solcher Inhalt, Gott, das Gute, Rechtliche usf. ist Inhalt des Gefühls, der Vorstellung; aber es ist nur ein geistiger Inhalt, ist durch das Denken gesetzt, - dies ist bewegt, beruht nur auf Vermittlung. Das Tier hat keine Religion, aber es fühlt; was geistig ist, gehört nur dem Denken, dem Menschen an.
Sokrates ist das Bewußtsein aufgegangen, daß das, was ist, vermittelt ist durch das Denken. Die zweite Bestimmung ist, daß ein Unterschied gegen das Bewußtsein der Sophisten eintritt, daß nämlich das Setzen und Produzieren des Denkens zugleich Produzieren und Setzen eines solchen ist, was nicht gesetzt ist, was an und für sich ist, - das Objektive, erhaben über die Partikularität der Interessen, Neigungen, die Macht über alles Partikuläre. Einerseits ist es bei Sokrates und Platon subjektiv, durch die Tätigkeit des Denkens gesetzt, - dies ist das Moment der Freiheit, daß das Subjekt bei dem Seinigen ist, dies ist die geistige Natur; aber andererseits ist es ebenso an und für sich Objektives, nicht äußerliche Objektivität, sondern geistige Allgemeinheit. Dies ist das Wahre, die Einheit des Subjektiven und Objektiven in neuerer Terminologie. Das Kantische Ideal ist Erscheinung, nicht an sich objektiv.
g) Das Gute hat Sokrates zunächst nur im besonderen Sinne des Praktischen aufgenommen: Was mir das Substantielle für das Handeln sein soll, darum soll ich mich bekümmern. Im höheren Sinne haben Platon und Aristoteles das Gute genommen: es ist das Allgemeine, nicht nur für mich; dies ist nur eine Form, Weise der Idee, die Idee für den Willen. Von Sokrates wird deswegen in den älteren Geschichten der Philosophie als das Ausgezeichnete hervorgehoben, daß er einen neuen Begriff erfunden, daß er die Ethik zur Philosophie gefügt habe, die sonst nur die Natur betrachtete. Die Ionier haben Naturphilosophie (Physik) erfunden, Sokrates die Ethik, - Platon habe die Dialektik hinzugetan, nach Diogenes Laertios (III, § 56).
Näher ist die Lehre des Sokrates eigentlich Moral. Das Ethische ist Sittlichkeit und Moralität, dann auch Sittlichkeit allein. Bei der Moral ist das Hauptmoment meine Einsicht, Absicht; die subjektive Seite, meine Meinung von dem Guten ist hier das Überwiegende. Moral heißt, daß das Subjekt aus sich in seiner Freiheit die Bestimmungen des Guten, Sittlichen, Rechtlichen setzt und, indem es diese Bestimmungen aus sich setzt, diese Bestimmung des Aussichsetzens auch aufhebt, so daß sie ewig, an und für sich seiend sind. Die Sittlichkeit als solche besteht mehr in dem, daß das an und für sich Gute gewußt und getan wurde. Die Athenienser vor Sokrates waren sittliche, nicht moralische Menschen; sie haben das Vernünftige ihrer Verhältnisse getan, ohne Reflexion, ohne zu wissen, daß sie vortreffliche Menschen waren. Die Moralität verbindet damit die Reflexion, zu wissen, daß auch dieses das Gute sei, nicht das andere. Die Sittlichkeit ist unbefangen, die mit Reflexion verbundene Sittlichkeit ist Moralität; dieser Unterschied ist durch die Kantische Philosophie erregt, sie ist moralisch.
Indem Sokrates auf diese Weise der Moralphilosophie ihre Entstehung gab (wie er sie behandelt, wird sie populär), hat ihn alle Folgezeit des moralischen Geschwätzes und der Popularphilosophie zu ihrem Patron und Heiligen erklärt und ihn zum rechtfertigenden Deckmantel aller Unphilosophie erhoben, wozu noch vollends kam, daß sein Tod ihm das populär-rührende Interesse des Unschuldig-Leidens gab. Cicero, der einerseits ein gegenwärtiges Denken, andererseits das Bewußtsein hat, die Philosophie solle sich bequemen, nicht Inhalt ihr gewonnen hat, rühmte es vom Sokrates (was oft genug nachgesagt) als das Eigentliche und das Erhabenste, daß er die Philosophie vom Himmel auf die Erde, in die Häuser und auf den Markt (in das tägliche Leben der Menschen) eingeführt habe. Darin liegt das Gesagte. Dies wird dann auch häufig so verstanden (sieht so aus), als ob die beste und wahrste Philosophie so eine Haus- und Küchenphilosophie sei (Hausmittel werde, so daß sie sich nach allen Rücksichten, gewöhnlichen Vorstellungen der Menschen bequemt), in der wir Freunde und Getreue von der Rechtschaffenheit usf. sich unterreden sehen und von dem, was man auf der Erde kennen kann, was im täglichen Leben selbst Wahrheit hat, ohne in der Tiefe des Himmels - oder vielmehr in der Tiefe des Bewußtseins - gewesen zu sein; dies aber meinen jene gerade, daß Sokrates sich zuerst erkühnte. Aber dem Sokrates war es auch nicht geschenkt worden, zur praktischen Philosophie zu kommen; er hatte vorher alle Spekulationen der damaligen Philosophie durchgedacht, um in das Innere des Bewußtseins, des Gedankens hinabgestiegen zu sein. Dies ist das Allgemeine des Prinzips.
Diese merkwürdige Erscheinung haben wir näher zu beleuchten, zuerst seine Lebensgeschichte; oder vielmehr verflicht sich diese selbst in das Interesse, das er in der Philosophie hat. Seine Lebensgeschichte sich bequemen, nicht Inhalt ihr gewonnen hat, rühmte es vom Sokrates (was oft genug nachgesagt) als das Eigentliche und das Erhabenste, daß er die Philosophie vom Himmel auf die Erde, in die Häuser und auf den Markt (in das tägliche Leben der Menschen) eingeführt habe. Darin liegt das Gesagte. Dies wird dann auch häufig so verstanden (sieht so aus), als ob die beste und wahrste Philosophie so eine Haus- und Küchenphilosophie sei (Hausmittel werde, so daß sie sich nach allen Rücksichten, gewöhnlichen Vorstellungen der Menschen bequemt), in der wir Freunde und Getreue von der Rechtschaffenheit usf. sich unterreden sehen und von dem, was man auf der Erde kennen kann, was im täglichen Leben selbst Wahrheit hat, ohne in der Tiefe des Himmels - oder vielmehr in der Tiefe des Bewußtseins - gewesen zu sein; dies aber meinen jene gerade, daß Sokrates sich zuerst erkühnte. Aber dem Sokrates war es auch nicht geschenkt worden, zur praktischen Philosophie zu kommen; er hatte vorher alle Spekulationen der damaligen Philosophie durchgedacht, um in das Innere des Bewußtseins, des Gedankens hinabgestiegen zu sein. Dies ist das Allgemeine des Prinzips.
Diese merkwürdige Erscheinung haben wir näher zu beleuchten, zuerst seine Lebensgeschichte; oder vielmehr verflicht sich diese selbst in das Interesse, das er in der Philosophie hat. Seine Lebensgeschichte bloß sein persönliches, individuell romantisches Schicksal, sondern es ist die Tragödie Athens, die Tragödie Griechenlands, die darin aufgeführt wird, in ihm zur Vorstellung kommt. Es sind hier zwei Mächte, die gegeneinander auftreten. Die eine Macht ist das göttliche Recht, die unbefangene Sitte, - Tugend, die Religion, welche identisch mit dem Willen sind, in seinen Gesetzen frei, edel, sittlich zu leben; wir können es abstrakterweise die objektive Freiheit nennen, Sittlichkeit, Religiosität, - das eigene Wesen der Menschen; andererseits ist es das Anundfürsichseiende, Wahrhafte, und der Mensch ist in dieser Einigkeit mit seinem Wesen. Das andere Prinzip ist dagegen das ebenso göttliche Recht des Bewußtseins, das Recht des Wissens (der subjektiven Freiheit); das ist die Frucht des Baums der Erkenntnis des Guten und des Bösen, der Erkenntnis, d.i. der Vernunft, aus sich, - das allgemeine Prinzip der Philosophie für alle folgenden Zeiten. Diese zwei Prinzipien sind es, die wir im Leben und in der Philosophie des Sokrates gegeneinander in Kollision treten sehen.
Zunächst haben wir den Anfang seiner Lebensgeschichte zu betrachten; sein Schicksal und seine Philosophie muß als eins behandelt werden. Sokrates also, dessen Geburt ins 4. Jahr der 77. Olympiade (469 v. Chr.) fällt, war der Sohn des Sophroniskos, eines Bildhauers; seine Mutter ist Phainarete, eine Hebamme. Sein Vater hielt ihn zur Skulptur an, und es wird erzählt, daß Sokrates es in dieser Kunst weit gebracht; es wurden noch spät Statuen von bekleideten Grazien, die sich in der Akropolis von Athen befanden, ihm zugeschrieben. (Nach dem Tode seines Vaters kam er in den Besitz eines kleinen Vermögens). Seine Kunst befriedigte ihn aber nicht; es gewann ihn eine große Neugierde nach der Philosophie und Liebe zu wissenschaftlichen Untersuchungen. Er trieb seine Kunst nur, um Geld zum notdürftigen Unterhalt zu gewinnen und sich auf das Studium der Wissenschaften legen zu können; und von einem Athenienser Krito wird erzählt, daß er ihn in Ansehung der Kosten unterstützt habe, um von den Meistern aller Künste unterwiesen zu werden. Neben der Ausübung seiner Kunst und besonders nachdem er diese völlig aufgegeben, las er von Werken älterer Philosophen, soviel er nur habhaft werden konnte, und hörte zugleich besonders den Anaxagoras und nach dessen Vertreibung aus Athen, zu welcher Zeit Sokrates 37 Jahr alt war, den Archelaos, der als Nachfolger des Anaxagoras angesehen wurde, außerdem noch berühmte Sophisten anderer Wissenschaften, unter anderen den Prodikos, einen berühmten Lehrer der Beredsamkeit - er erwähnt seiner mit Liebe bei Xenophon -, auch andere Lehrer in Musik, Poesie usf., und galt überhaupt für einen von allen Seiten ausgebildeten Menschen, der in allem unterrichtet war, was damals dazu nötig war.
Zu seinen ferneren Lebensumständen gehört, daß er die Pflicht, sein Vaterland zu verteidigen, die er als atheniensischer Bürger hatte, erfüllte; er machte deshalb als solcher drei Feldzüge des Peloponnesischen Krieges, in den sein Leben fiel, mit. Der Peloponnesische Krieg ist entscheidend für die Auflösung des griechischen Lebens, bereitete sie vor; was politisch hier war, machte sich bei Sokrates im denkenden Bewußtsein. In diesen Feldzügen erwarb er sich nicht nur den Ruhm eines tapferen Kriegers, sondern, was für das Schönste galt, das Verdienst, anderen Bürgern ihr Leben gerettet zu haben. Im ersten wohnte er der langwierigen Belagerung von Potidaia in Thrakien bei. Hier hatte sich Alkibiades bereits an ihn angeschlossen; und dieser erzählt bei Platon im Gastmahl (219-222) (wo Alkibbiades eine Lohrede auf Sokrates hält), daß er alle Strapazen auszustehen fähig gewesen sei, Hunger und Durst, Hitze und Kälte mit ruLigem Gemüte und körperlichem Wohlsein ertragen habe. In einem Treffen dieses Feldzugs sah er den Alkibiades mitten unter den Feinden verwundet, hieb ihn heraus, machte ihm Platz durch sie hindurch und rettete ihn und seine Waffen. Die Feldherren belohnten ihn dafür mit einem Kranze (corona civica), als dem Preise des Tapfersten; Sokrates nahm ihn nicht an, sondern erhielt, daß er dem Alkibiades gegeben wurde. In diesem Feldzug wird erzählt, daß er einmal, in tiefes Nachdenken versunken, auf einem Flecke unbeweglich den ganzen Tag und die Nacht hindurch gestanden habe, bis ihn die Morgensonne aus seiner Verzückung erweckte, - ein Zufall, Zustand, in welchem er öfters gewesen sein soll. Dies ist ein kataleptischer Zustand, der mit dem Somnambulismus, Magnetismus Analogie, Verwandtschaft haben mag, worin er als sinnliches Bewußtsein ganz abgestorben war, - ein physisches Losreißen der innerlichen Abstraktion vom konkreten leiblichen Sein, ein Losreißen, in dem sich das Individuum von seinem inneren Selbst abscheidet; und wir sehen aus dieser äußeren Erscheinung den Beweis, wie die Tiefe seines Geistes in sich gearbeitet hat. In ihm sehen wir überhaupt das Innerlichwerden des Bewußtseins, und dies sehen wir hier auf eine anthropologische Weise existieren; es gibt sich hier in ihm, dem Ersten, eine physische Gestalt, was später Gewohnheit ist. Den anderen Feldzug machte er in Böotien mit, bei Delium, einer kleinen Befestigung, welche die Athener nicht weit vom Meere hatten, wo sie ein unglückliches, jedoch nicht wichtiges Treffen verloren. Hier rettete Sokrates einen anderen seiner Lieblinge, den Xenophon; er sah ihn nämlich auf der Flucht, da Xenophon das Pferd verloren, auf dem Boden verwundet liegen. Sokrates nahm ihn auf die Schulter, trug ihn, sich zugleich verteidigend mit der größten Ruhe und Besonnenheit gegen die verfolgenden Feinde, davon. Endlich im dritten bei Amphipolis in Edonis am strymonischen Meerbusen machte er seinen letzten Feldzug.
Außerdem trat er ebenso in verschiedene Verhältnisse bürgerlicher Ämter. Später wurde er - zur Zeit, als die bisherige demokratische Verfassung Athens von den Lakedämoniern aufgehoben wurde, die jetzt einen aristokratischen, ja selbst tyrannischen Zustand überall einführten, wobei sie sich zum Teil an die Spitze der Regierung stellten -in den Rat gewählt, der als ein repräsentatives Korps an die Stelle des Volkes trat. Hier zeichnete er sich ebenso durch unwandelbare Festigkeit gegen den Willen der dreißig Tyrannen und den Willen des Volkes bei dem, was er für recht hielt, aus. Er saß bei einer anderen Gelegenheit mit in dem Gerichte, welches jene zehn Feldherren zum Tode verurteilte, weil sie als Admiräle nach der Schlacht bei den Arginusen zwar gesiegt hatten, aber, durch Sturm gehindert, die Toten nicht aufgefischt und nicht am Ufer begraben und Trophäen aufzurichten versäumt hatten, - d.h. eigentlich weil sie, [die] nicht geschlagen worden zu sein schienen, das Schlachtfeld nicht behaupteten, so den Schein annehmen wollten, als seien sie besiegt. Sokrates allein stimmte nicht in dies Urteil ein, erklärte sich hier gegen das demokratische Volk noch nachdrücklicher als gegen die Fürsten. Heutzutage kommt einer schlecht an, der gegen das Volk etwas sagt. »Das Volk ist vortrefflich der Intelligenz nach, versteht alles und hat nur vortreffliche Absichten.« Gegen Fürsten, Regierungen, Minister versteht es sich von selbst, »daß sie nichts verstehen, nur das Schlechte wollen und vollbringen«.
Neben diesen für ihn mehr zufälligen Verhältnissen zum Staate, die er nur als allgemeine Bürgerpflicht tat, ohne eben selbsttätig die Angelegenheiten des Staats zu seiner eigentlichen Hauptbeschäftigung zu machen, noch sich an die Spitze der öffentlichen Angelegenheiten zu drängen, war die eigentliche Beschäftigung seines Lebens aber das ethische Philosophieren mit jedem, der ihm in den Weg kam. Seine Philosophie, als die das Wesen in das Bewußtsein als ein Allgemeines setzte, ist als seinem individuellen Leben angehörig anzusehen; sie ist nicht eigentliche spekulative Philosophie, sondern ein individuelles Tun geblieben. Und ebenso ist ihr Inhalt die Wahrheit des individuellen Tuns selbst; das Wesen, der Zweck seiner Philosophie ist, das individuelle Tun des Einzelnen als ein allgemeingültiges Tun einzurichten. Deswegen ist von seinem eigenen individuellen Sein zu sprechen; oder sein Charakter pflegt durch eine ganze Reihe von Tugenden geschildert zu werden, die das Leben des Privatmanns zieren. Und zwar sind diese Tugenden des Sokrates so zu nehmen, daß es eigentliche Tugenden sind, die er sich durch seinen Willen zur Gewohnheit, zum Habitus machte. Es ist dabei zu bemerken, daß man mehr, wenn von Eigenschaften der Alten gesprochen wird, sie Tugenden nenne, als wenn man von Neueren spricht. Diese Eigenschaften haben bei den Alten überhaupt den Charakter der Tugend (Tugend, auch Individualität, im Gegensatze der Religiosität), menschliche Tugenden - bei den Alten war in der allgemeinen Sitte die Individualität als solche sich selbst überlassen -, wenn sie bei uns als etwas erscheinen, das nicht dem Individuum als Verdienst angehört oder seine eigentümliche Hervorbringung als dieses Einzelnen ist. Wir sind gewohnt, sie weniger von dieser Seite zu nehmen und zu betrachten, auch weniger als Produkt, Hervorgebrachtes, als vielmehr als Seiendes, als Pflicht; indem wir mehr das Bewußtsein des Allgemeinen haben und das rein Individuelle selbst, das eigene innere Bewußtsein als Wesen, als Pflicht, als Allgemeines gesetzt ist. Bei uns sind sie daher auch wirklich mehr entweder Seiten der Anlage, des Naturells oder haben die Form des Notwendigen überhaupt; für die Alten hingegen ist das Individuelle die Form des Allgemeinen, so daß es als ein Tun des individuellen Willens, nicht der allgemeinen Tugend also als Eigentümlichkeit erscheint. Und ebenso haben auch die Tugenden des Sokrates die Form nicht der Sitte oder eines Naturells oder einer Notwendigkeit, sondern einer selbständigen Bestimmung. Es ist bekannt, daß sein Aussehen auf ein Naturell von häßlichen und niedrigen Leidenschaften deutete; er hat es aber selbst gebändigt, wie er dies auch selbst sagt.
Er steht vor uns (hat gelebt unter seinen Mitbürgern) als eine von jenen großen plastischen Naturen (Individuen) durch und durch aus einem Stock, wie wir sie in jener Zeit zu sehen gewohnt sind, - als ein vollendetes klassisches Kunstwerk, das sich selbst zu dieser Höhe gebracht hat. Sie sind nicht gemacht, sondern zu dem, was sie waren, haben sie sich selbständig ausgebildet; sie sind das geworden, was sie haben sein wollen, und sind ihm getreu gewesen. In einem eigentlichen Kunstwerke ist dies die ausgezeichnete Seite, daß irgendeine Idee, ein Charakter hervorgebracht, dargestellt ist, so daß jeder Zug durch diese Idee bestimmt ist; und indem dies ist, ist das Kunstwerk einerseits lebendig, andererseits schön, - die höchste Schönheit, die vollkommenste Durchbildung aller Seiten der Individualität ist nach dem einen innerlichen Prinzip. Solche Kunstwerke sind auch die großen Männer jener Zeit. Das höchste plastische Individuum als Staatsmann ist Perikles, und um ihn, gleich Sternen, Sophokles, Thukydides, Sokrates usw Sie haben ihre Individualität herausgearbeitet zur Existenz, - und das zu einer eigentümlichen Existenz, die ein Charakter ist, der das Herrschende ihres Wesens ist, ein Prinzip durch das ganze Dasein durchgebildet. Perikles hat sich ganz allein dazu gebildet, ein Staatsmann zu sein; es wird von ihm erzählt, er habe seit der Zeit, daß er sich den Staatsgeschäften widmete, nie mehr gelacht, sei zu keinem Gastmahl mehr gegangen, habe allein diesem Zwecke gelebt. So hat auch Sokrates durch seine Kunst und Kraft des selbstbewußten Willens sich selbst zu diesem bestimmten Charakter, Lebensgeschäft ausgebildet, Fertigkeit, Geschicklichkeit erworben. Durch sein Prinzip hat er diese Größe, diesen langen Einfluß erreicht, der noch jetzt durchgreifend ist in Beziehung auf Religion, Wissenschaft und Recht, - daß nämlich der Genius der inneren Überzeugung die Basis ist, die dem Menschen als das Erste gelten muß. Tennemann (Bd. II, S. 26) bedauert es, »daß wir wohl wissen, was er gewesen ist, aber nicht, wie er das geworden ist«.
Sokrates war ein Musterbild moralischer Tugenden: Weisheit, Bescheidenheit, Enthaltsamkeit, Mäßigung, Gerechtigkeit, Tapferkeit, Unbeugsamkeit, feste Rechtlichkeit gegen Tyrannen und dêmos, entfernt von Habsucht, Herrschsucht. Sokrates war ein Mann von diesen Tugenden, ein ruhiges frommes Tugendlied. Seine Gleichgültigkeit gegen das Geld ist eine eigene Entschließung; denn nach der Sitte der Zeit konnte er durch seine Bildung der Jugend, wie die übrigen Lehrer, erwerben. Auf der anderen Seite war es freie Wahl, nicht wie bei uns etwas Eingeführtes, so daß derjenige, der nichts nähme, gegen eine Sitte verstöße, sich das Ansehen gäbe, sich auszeichnen zu wollen, mehr getadelt als gerühmt würde. Es war noch nicht Sache des Staats; erst unter den römischen Kaisern waren Schulen mit Besoldung.
Seine Mäßigkeit in seinem Leben ist ebenso Kraft des Bewußtseins, aber nicht als gemachtes, gemeintes Prinzip, sondern nach seinen Umständen; in Gesellschaft war er Lebemann mit anderen. Am besten hört sich, wie seine Mäßigkeit in Ansehung des Weins von Platon geschildert wird; im Symposion sieht man, was Sokrates Tugend nannte; es ist eine sehr charakteristische Szene. Alkibiades bei Platon im Gastmahl tritt nicht mehr nüchtern bei einem Gelage ein, das Agathon gab wegen eines Sieges, den seine Tragödie am vorigen Tage bei den Festen davongetragen; da hatte die Gesellschaft getrunken. Da dies der zweite Tag des Gelages war, so hatten die versammelten Gäste, unter denen auch Sokrates war, auf diesen Abend den Beschluß gefaßt, wenig - nicht nach der Sitte der griechischen Mahle - zu trinken. Alkibiades, findend, daß er unter Nüchternen eingetreten und keine gleiche Stimmung vorhanden sei, macht sich zum Könige des Mahls und reicht den anderen den Pokal, um sie zu seiner Höhe emporzuheben; von Sokrates aber sagt er, daß er mit diesem nichts ausrichten könne, weil dieser bleibe, wie er sei, wenn er auch noch soviel trinke. Platon läßt dann einen, der die Reden des Gastmahls erzählt, auch dies erzählen, daß er mit den anderen endlich auf den Polstern eingeschlafen; wie er des Morgens aufgewacht, habe Sokrates mit dem Becher in der Hand sich noch mit Aristophanes und Agathon über de Komödie und Tragödie besprochen, ob einer zugleich Tragödien- und Komödiendichter sein könne, und sei dann zur gewöhnlichen Stunde an die öffentlichen Orte, in Gymnasien gegangen, als ob nichts vorgefallen, und habe sich wie sonst den ganzen Tag da herumgetrieben. Dies ist keine Mäßigkeit, die in dem wenigsten Genuß besteht, nicht eine absichtsvolle Nüchternheit und Kasteiung, sondern eine Kraft des Bewußtseins, das sich selbst im körperlichen Übermaße erhält. Wir sehen daraus, daß wir uns Sokrates durchaus nicht in der Weise von der Litanei der moralischen Tugend zu denken haben.
Das, was Betragen gegen andere genannt wird, sehen wir - nicht nur gerecht, wahr, aufrichtig, nichts Hartes, oder ehrliches Betragen, sondern an ihm ein Beispiel der ausgearbeitetsten attischen Urbanität - sowohl bei Xenophon als besonders bei Platon: Bewegung in den freiesten Verhältnissen, eine offene Redseligkeit, die ihrer immer besonnen ist und, indem sie eine innere Allgemeinheit hat, zugleich immer das richtige lebendige freie Verhältnis zu den Individuen und zu der Lage trifft, worin sie sich bewegt, - den Umgang eines höchst gebildeten Menschen, der in seine Beziehung zu anderen nie etwas Eigenes in aller Lebendigkeit legt und etwas Widriges, Hartes gegen andere vermeidet.
Seine Philosophie und die Weise seines Philosophierens gehören zu seiner Lebensweise. Sein Leben und seine Philosophie sind aus einem Stücke; sein Philosophieren ist kein Zurückziehen aus dem Dasein und der Gegenwart in die freien, reinen Regionen des Gedankens. Dieser Zusammenhang mit dem äußerlichen Leben ist aber darin begründet, daß seine Philosophie nicht zu einem Systeme fortschreitet; vielmehr enthält die Weise seines Philosophierens (als Zurückziehen von der Wirklichkeit, den Geschäften, wie Platon) selber in sich eben diesen Zusammenhang mit dem gewöhnlichen Leben.
Was nun sein näheres Geschäft betrifft, sein philosophisches Lehren oder eigentlich seinen Umgang (denn ein eigenes Lehren war es nicht) mit jedermann, mit den verschiedensten Menschen aus allen Klassen, von dem verschiedensten Alter, ganz verschiedenen Bestimmungen, - also sein philosophisches Umgangsleben war äußerlich, wie das Leben der Athener überhaupt: daß sie den größten Teil des Tages ohne eigentliches Geschäft, im eigentlichen Müßiggange auf dem Markte waren oder sich in den öffentlichen Gymnasien herumtrieben, teils hier ihre körperlichen Übungen vornahmen, sonst vorzüglich miteinander schwatzten. Diese Weise des Umgangs war nur möglich nach der Weise des athenischen Lebens. Die meisten Arbeiten, die jetzt ein freier Bürger eines Landes - ebenso ein freier Republikaner, ein freier Reichsbürger - tut, verrichteten Sklaven, galten für freier Männer unwürdig. Ein freier Bürger konnte zwar auch Handwerker sein, hatte aber doch Sklaven, die die Geschäfte verrichteten, wie ein Meister jetzt Gesellen. Heutigentages würde ein solches Herumleben gar nicht zu unseren Sitten passen. So schlenderte nun auch Sokrates herum und lebte in einer ebensolchen beständigen Unterhaltung über ethische Ansichten. (Ein Schuhmacher Simon hatte viel Umgang mit ihm; er schrieb sokratische Gespräche.) Was er nun tat, ist das ihm Eigentümliche, was im allgemeinen Moralisieren genannt werden kann; es ist aber nicht eine Art und Weise von Predigen, Ermahnen, Dozieren, düsteres Moralisieren usf., denn dergleichen hatte unter Atheniensern und in der attischen Urbanität keinen Platz. Es ist kein gegenseitiges, freies, vernünftiges Verhältnis; sondern mit allen ließ er sich in ein Gespräch ein, ganz mit jener attischen Urbanität, welche, ohne sich Anmaßungen herauszunehmen, ohne die anderen belehren, imponieren zu wollen, der Freiheit vollkommen ihr Recht erhält und sie ehrt, alles Rohe aber wegfallen läßt. So gehören denn Xenophons, besonders aber Platons Dialoge zu den höchsten Mustern feiner geselliger Bildung.

 

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